Althüttendorf- Übergangslager in Brandenburg

Im Oktober 2012 starb ein Mann aus Vietnam in einem Flüchtlingslager in Brandenburg. Er war Alkoholiker gewesen, hatte die letzten acht Jahre draußen in einem Zweimannzelt geschlafen, da er Angst hatte sich in einem Haus aufzuhalten. Er wurde mit Fieber ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem er mehrere Stunden vor Schmerzen gestöhnt hatte. Dort starb er.

Im Dezember 2012 gab es einen weiteren Todesfall: Ein junger Mann aus Kenia,Bernhard Mwanzia , 28 Jahre alt, hatte sich in einem Anfall von Wahnsinn und Verzweiflung die Kleider vom Leib gerissen und war splitternackt in den Wald gelaufen. Es lag Schnee und er konnte erst nach einer Suche von mehreren Tagen gefunden werden. Bis dahin war er erfroren. Heimbewohner berichten, dass herbeigerufenen Polizisten erst nach 20 Minuten gekommen waren und es dann unterlassen hätten den Mann zu suchen. Erst einige Tage später wurde seine Leiche auf einem verlassenen Grundstück gefunden.

Das Lager Althüttendorf befindet sich im Landkreis Barnim, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Joachimsthal, rund 70 km nördlich von Berlin (nahe Eberswalde). Das Lager war in den letzten Jahren schon öfter in die Schlagzeilen geraten, zuletzt wegen baulicher Mängel. Es ist ürsprünglich ein Sommerferiencamp aus DDR-Zeiten, die Häuser sind aus dünnem Holz gebaut. Toiletten, Waschräume, eine Gelegenheit zum Wäschewaschen, die einzige Küche mit 3 Elektroherden und ein Computerraum mit 2 Computern befinden sich im Haupthaus, viele Bewohner müssen also durch die Kälte laufen wenn sie sich ihr Essen kochen oder auf Toilette gehen wollen. Da die Gebäude aus Holz sind hängen überall Warnhinweise, die auf Brandgefahren hinweisen- Feuerlöscher oder Rauchmelder gibt es nicht.

Das Lager liegt an einer Autofahrstraße mitten im Wald. LKWs rasen hier entlang und nehmen keine Rücksicht auf Fußgänger, die, mangels Bürgersteig, auf dem Seitenstreifen oder im Graben gehen müssen wenn sie nicht überfahren werden wollen. Nachts ist diese Straße nicht beleuchtet, was eine besondere Gefahr darstellt. Der Ort ist so klein, dass es dort nicht mal einen Supermarkt gibt und die Flüchtlinge zum Einkaufen mit dem Zug nach Barnim oder Eberswalde fahren müssen.

An der Eingangstür sind hinter Glas die Heimregeln angebracht. Diese gibt es in mehreren Sprachen. Unter anderem steht dort zu lesen: „Wenn jemand länger als drei Tage unentschuldigt dem Lager fernbleibt, wird sein Bett anderwertig vergeben!“ Eine Nachfrage bei den Lagerbewohnern zeigte, dass dies schon öfter vorgekommen ist und also nicht nur eine leere Drohung darstellt.

Die meisten Menschen die dort untergebracht werden suchen sich ein Zimmer in der Stadt und zahlen dort Miete an Freunde und Bekannte, daher ist das Lager selten voll belegt und nur an den Zahltagen einmal im Monat voll ausgelastet. Die Betreiber können auf diese Weise an den Nebenkosten sparen, daher wird diese Praxis geduldet. Familien werden meist nach ein paar Tagen in Wohnungen in der Stadt untergebracht, da es keinen Kindergarten oder Schulen in der Nähe gibt.

Inmitten all dieser Trostlosigkeit lebt hier auch eine junge Frau, die unter diesen Bedingungen versucht, ein 4-Monate altes Baby groß zu ziehen. Alle anderen Familien sind längst ausgezogen, nur sie ist geblieben aus Angst, dass sie, wenn sie in eine Wohnung nach Eberswalde ziehe, nie die Erlaubnis bekäme, zum Vater des Kindes nach Norddeutschland ziehen zu dürfen. So hatte ihr das die Ausländerbehörde gesagt. Für mehrere Monate lebte auch ein alleinreisender minderjähriger Flüchtling hier, der trotz seines Alters wie ein Erwachsener untergebracht war und nicht die Möglichkeit erhielt zur Schule zu gehen wie es eigentlich vom Gesetzgeber vorgesehen ist.

Die Bewohner, in der Mehrzahl junge Männer aus dem afrikanischen oder asiatischen Raum, leben teilweise bereits seit mehreren Jahren hier und warten auf ihre Anerkennung oder auch nur auf eine Wohnung und die Erlaubnis auszuziehen. Es gibt nichts für sie zu tun, abgesehen von einem Deutschkurs den Ehrenamtliche im Nachbarort anbieten. Es gibt keinen Aufenthaltsraum, keinen Raum um Kurse abhalten oder gemeinsam Teetrinken zu können, keinen Trainingsraum, kein Spielzimmer für Kinder, kein seperates Männer-und Frauengebäude, keine Möglichkeiten zur Zerstreuung.

Viele hier wirken traumatisiert, die wenigsten erhalten psychische Betreuung und oft nur wenn es schon fast zu spät ist und sie durchdrehen. Eine Sozialarbeiterin ist vor Ort, aber auch sie kann gegen die Zustände nicht ankommen. Einige der Flüchtlinge haben das Vertrauen in die dort tätigen Mitarbeiter verloren, da sich in ihren Augen nichts verändert. Sie verdächtigen sie mit der Heimleitung und den Behörden zusammen zu arbeiten. Viele der Flüchtlinge sehen hoffnungslos in die Zukunft. Ein junger Mann drückte es so aus: „Sie töten uns hier drin, ganz langsam, und sie brauchen dafür keine Waffen.“

Vor kurzem wurde in Wandlitz ein neues Heim eröffnet und einige der Bewohner des Lagers Althüttendorf durften dorthin umziehen. Es kommen jedoch auch immer wieder neue Flüchtlinge an, so dass das Lager trotz gravierender Mängel weiter in Betrieb ist. Das Lager Althüttendorf soll schon seit 10 Jahren geschlossen werden, bis heute ist nichts passiert.