antwort auf 'kritiken', Bezüglich des Refugee Kongresses in München

Im Anschluss an den ersten Non-Citizen-Kongress vom 1. bis 3. März 20131 haben wir2 (der Aktionskreis unabhängiger Non-Citizen Kämpfe) sehr viel Feedback3 bekommen: sowohl von Teilnehmer_innen des Kongresses als auch von jenen, die von dem politischen Diskurs über 'Non-Citizen' / 'Citizen', welcher auf dem Kongress öffentlich gemacht wurde, gehört hatten. Wir glauben, dass der folgende Text ein Versuch ist, den Raum für Dialog zu öffnen. Dieser kann uns helfen, unsere politischen Diskurse und Aktionen auf der Basis des Dialogs zu klären. Wir hoffen ebenfalls, dass wir mit der Vertiefung unserer geschriebenen Diskussionen einen Prozess des Voneinander-Lernens einleiten und uns dies auch dem Erfolg unseres Kampfes näher bringen wird. Für uns ist das das Hauptziel der Diskussion.

 

Die generelle Kritik am Kongress kann wie folgt unterschieden werden:

1- Die Kritik des politischen Diskurses und 2- Die Kritik an der Art und Weise, in der der Kongress vonstatten ging.

 

1- Kritik des politischen Diskurses:

 

Zuerst müssen wir anmerken, dass uns bereits, bevor wir den Diskurs in den Kongress eingebracht haben, klar war, dass dieser eine Herausforderung darstellen könnte. Es war nicht schwer, das Unbehagen von Seiten der Beteiligten im sogenannten 'Asylsuchenden'-Kontext, zu denen Aktivist_innen aus der sogenannten Antira-, Antifa- und der linken Szene sowie einiger Menschenrechtsorganisationen, NGOs, Wohltätigkeits-Organisationen usw. gehören, vorherzusagen. Von Anfang an war diesen Aktivist_innen gemeinsam, dass sie mit “feststehenden Antworten” in den widerständigen Protest eintraten, während die Mehrheit von ihnen zugleich nie den Alltag von Non-Citizen-Subjekten erlebt hatten.

 

Erstens: Gegen was genau kämpfen wir?

 

Als die Subjekte der Kämpfe von Non-Citizens (Asylsuchende, illegalisierte und papierlose Menschen) sehen wir uns in der Position, unseren eigenen Kampf an dem Wissen unserer gelebten Erfahrungen und unserem Bewusstsein der Herrschaftsstrukturen auszurichten. Dieser Kampf ist notwendigerweise mit unserem täglichen Leben verbunden.

 

Um dies auszuführen, müssen wir analysieren, wer ein_e Asylsuchende_r ist, was die Position dieser Person ist und welche Art von Strukturen das Leben von Asylsuchenden bestimmen. Um uns nicht zu wiederholen, verweisen wir in dieser Frage auf den Essay 'Zur Position “Asylsuchender” und ihre Kämpfe in modernen Gesellschaften4' (wir empfehlen stark, dieses Essay zu lesen, bevor diese Notiz weitergelesen wird, da deren Inhalt eng mit diesem verbunden ist).

 

Zweitens: “Alle zusammen” ist ein ideologieloser Slogan

 

Der auf dem Kongress eingeführte politische Diskurs war der Versuch von unserer Seite, die Non-Citizen-Kämpfe in eine Richtung zu bewegen, in der sie mehr als NUR ein antirassistischer Kampf sind. Wir haben versucht, den strukturellen und institutionellen Rassismus aufzuzeigen, den Non-Citizens, ebenso wie andere Subjekte der antirassistischen Bewegung, bekämpfen sollten. Dennoch sind Non-Citizens auch Subjekte weiterer Formen von Unterdrückungsstrukturen – nicht nur des des Rassismus, so zum Beispiel des Klassismus (neben weiteren Strukturen der Unterdrückung). Auf einer Analyse dieser weiteren Strukturen wurde zuvor unter den Aktivist_innen der sogenannten antirassistischen Szene noch nicht einmal Aufmerksamkeit geschenkt. Dennoch basierten die meisten Kritiken an dem Diskurs auf genau diesem Argument: nämlich indem behauptet wurde, dass dieser zu einer weiteren Spaltung “unserer eigenen Kräfte” führen würde. Schließlich führen diese Argumente zu folgendem: In der sogenannten antirassistischen Szene kämpfen alle Aktivist_innen, ohne Reflexion ihrer gesellschaftlichen Positionen und ihrer Hautfarbe, an einer Front. Jegliche theoretische Definition, die diese einheitliche Front (des großen “Wir” derer, die glauben, den Rassismus zu bekämpfen) unterbricht, kann so beiseite geschoben oder zerstört werden.

 

Obwohl linke Begriffe in diesen Kritiken verwendet werden, sehen wir grundlegende Unterschiede zwischen unseren eigenen politischen Ideen und den argumentatorischen Wegen der oben genannten Kritiken. Wir glauben, dass es ein Widerspruch ist, folgendes zu behaupten: dass in einer kapitalistischen Gesellschaft die jeweilige Position der Menschen, basierend auf ihrer Stellung als Arbeitskraft in der ökonomischen Struktur, KEIN Thema sei und dass alle, die sich antifaschistische oder jegliche 'anti'-Slogans zu eigen machen, tatsächlich mit gleichen Positionen Politik betreiben könnten.

 

Unsere Ansicht ist, dass jene, die an diese Art von “Gleichheit” glauben, kein klares Konzept von Klassenproblematiken und in der Konsequenz auch keine Ahnung von den Widersprüchen innerhalb des Klassenkampfes haben. Wie ist es sonst möglich, dass wir unsere Augen vor weißer Vorherrschaft und Eurozentrismus verschließen, welche als Nährboden für neo-kolonialistische Diskurse fungieren. Noch einmal: wie ist es möglich, dass einige Menschen, im Kontext einer antirassistischen Bewegung, skandieren: Weiß oder Nicht-weiß, wir sind alle gleich?

Ohne Zweifel liegt eine der Errungenschaften unseres Diskurses darin, ungleiche Positionen voneinander zu differenzieren, zu verstehen sowie innere Strukturen, basierend auf den Ungleichheiten, zu analysieren.

 

Betreffend des Impulses der Kritiken, die Einheit des großen “Wir” (unserer eigenen Kräfte) zu bewahren: was genau meint ihr mit diesem “Wir”? Konfrontiert mit Non-Citizens, geflohen aus ihren Herkunftsländern aufgrund von Raketen und Bomben, die in diesem Land hergestellt wurden (und immer noch hergestellt werden) und während die Profite exakt dieser Bomben gleichzeitig für Erste-Welt-Bürger_innen ein ganzes Wohlfahrtssystem finanziert haben: welche Art von “Wir” meint ihr genau? Ist es nicht so, dass nur durch hunderte von Jahren der Unterdrückung, von denen die Geschichte des Kolonialismus und der Ausbeutung zeugen als auch mithilfe imperialistischer Kriege im Namen von “humanitären Interventionen”, Bürger_innen in den Erste-Welt-Ländern einen derart hohen Lebensstandard genießen? Durch die 'Freundlichkeit' der Globalisierung und der neoliberalen Politiken der WTO und des IWF werden die Kühlschränke dieser Bürger_innen mit billigen Produkten gefüllt, die keine Grenzen kennen, während immer noch Menschen in eben den Regionen an Hunger sterben, in denen diese Produkte hergestellt wurden. Ist es nicht so, dass die Einkommenssteuer von Bürger_innen die Mächte bezahlt, die heute die gesamte Welt regieren?

 

Nein, wir, Non-Citizens, die aus den sogenannten “unterentwickelten Staaten” geflohen sind, bilden kein gleiches, großes “Wir” mit den Erste-Welt-Bürger_innen, denen die Privilegien von Gesundheitsversorgung, Arbeitslosengeld, guter Bildung und tausenden anderen Vorteilen zur Verfügung stehen.

 

Es scheint ein Missverständnis vorzuliegen. Wenn wir den Kongress für Citizens geöffnet haben, so nur deshalb, weil wir zum einen glauben, dass aktive Menschen in diesem Kontext Citizens sind, die versuchen, klare Grenzen gegen die bestehenden Mächte zu ziehen. Zum anderen, weil wir glauben, dass sie, obwohl sie klassenprivilegiert sind, sich der Struktur der Diskriminierung bewusst und willens sind, einige der Privilegien zu teilen, die ihnen exakt aus diesen Diskriminierungsstrukturen erwachsen sind. Selbstverständlich bedeutet das nicht, dass eine kollektive Identität zwischen uns und ihnen existiert. Dieser Moralismus in der politischen Aktion, der daran glaubt, politische Differenzen könnten durch das Träumen und Rufen von “unity!” beseitigt werden, vergisst, dass die fundamentalen Differenzen nur überwunden werden können, wenn theoretische Diskussionen geführt und politische Grenzen gezogen werden. Auch wenn diese Grenzen für Einige unangenehm sind.

 

Es besteht des Weiteren kein Zweifel, dass die Non-Citizen/Citizen-Dichotomie, wie jede andere Kategorie, ein Resultat von Herrschafts- und Unterdrückungsstrukturen ist und auf Diskriminierung und Ungleichheit basiert. Andere Teile der geäußerten Kritiken wiesen darauf hin, dass diese scheinbar neugeschaffene Dichotomie Kategorien eröffne, die den Kampf nur weiter verkomplizieren würden. Aber wie soll es möglich sein, aus Kategorien herauszutreten, die ebenso das Fundament unserer sozialen Realität, wie auch unserer politischen, ökonomischen und kulturellen Positionen und Beziehungen innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchien sind? Wie können wir politisch aktiv sein, ohne diese Kategorien zu berücksichtigen? Sicherlich, wir versuchen alle, die bestehenden Kategorien abzuschaffen und müssen dafür die Fundamente abschaffen, auf denen diese Kategorien beruhen. Doch was wir von diesen Arten der Kritik mitbekommen, ist vielmehr eine Wegschau-Mentalität zu den bestehenden Kluften und Kategorien, anstelle des Kampfes gegen die, die sie hervorbringen. Das desaströse ist, dass der Vorschlag, über die bestehenden Kategorien hinauszugehen, zumeist von denen kommt, die sich selbst in den oberen Kategorien befinden. Dies ist jedoch eine arrogante Weise, das Problem auszuradieren, anstatt es zu lösen.

 

Die Erkenntnis der sozialen Position von Non-Citizens ist das Resultat eines bereits ein Jahr andauernden Versuches, die Struktur und Funktion der Unterdrückung zu verstehen, welche wir tagtäglich erleben. Endlich sind wir über die generellen Begriffe wie Migrant_innen/Asylsuchende/'Flüchtlinge' hinausgekommen, die in der Praxis nur unklare Bezeichnungen waren und die Macht hatten, ihr Subjekt im Unklaren zu belassen. Mit unserer eigenen Definition davon, “worum es sich in dem Kampf handelt” und “wer das Subjekt dieses Kampfes ist”, wurde es möglich, eine weitaus konkretere Definition unserer Situation zur Verfügung zu stellen. Es ist interessant, dass unsere theoretischen Forschungen, die in einem praktischen Prozess zustande kamen, als eine Tatsachenverdrehung interpretiert wurden.

 

Es handelt sich dabei nicht um eine 'Unabhängigkeitsmaske' (wie in den Kritiken behauptet wurde), sondern es steht für den Willen, eine große Verantwortung im Prozess der Selbstermächtigung des Subjektes zu akzeptieren. Ohne Zugang zu den benötigten Ressourcen und unter konstantem Entzug von Unterstützung, weil wir unseren Fokus auf die Selbstermächtigung des Subjekts setzen, stehen wir vor einer schwierigen Situation und einer großen Verantwortung; denn mensch kann scheitern, gerade weil der Zugang zu diesen Ressourcen abgeschnitten ist und mensch sich in der Konsequenz allein wiederfindet. Indem wir uns unsere Subjektposition wiederaneignen und den Glauben an uns und unsere Fähigkeiten stärken, werden wir die Tradition unseres Kampfes fortführen. Dieser ist darauf ausgerichtet, die Straße zurückzugewinnen. Die Straße als exakt der Ort, an dem unsere unterdrückten Körper sich verbinden und wir als Menschen erscheinen werden. Dieser Ort (die Straße), dessen Namen viele Aktivist_innen den Büchern überlassen haben, ist der Ort, zu dem wir seit einem Jahr versuchen, loyal zu bleiben; wir bleiben loyal zu seiner Bedeutung, da wir glauben, dass wir nur auf der Straße die Politik wieder zu ihren rechtmäßigen Eigentümer_innen zurückführen können.

 

2 – Die Art der Durchführung des Kongresses:

 

Die Kritiken an der Art der Durchführung des Kongresses konzentrierten sich meistens auf:

- Das Monopol der Organisatoren am Mikrofon

- Den Unwillen der Organisatoren, die Erfahrungen der Citizen-Aktivist_innen zu nutzen und von ihnen zu lernen

 

Zuerst müssen wir sagen, dass der Kongress auf der Basis eines organisatorischen Zeitplans stattfand, der einen Monat vorher veröffentlicht wurde. Mit dem Zeitplan wurde das Programm für alle drei Kongresstage sowie der Inhalt einiger von den Organisatoren geplanten Programmpunkte veröffentlicht. Der Kongress fand an drei Tagen statt – Freitag, Samstag und Sonntag. Insgesamt dauerte der Kongress 20 Stunden; sechs davon waren im Voraus geplant. Vier von diesen sechs Stunden wurden für mündliche Berichte von dem einjährigen Widerstand gebraucht (mit Dolmetschen von Farsi auf Englisch und danach Simultandolmetschen auf Urdu, Französisch, Arabisch und weiteren Sprachen). Die verbleibenden zwei Stunden wurden für die Vorstellung des politischen Begriffs der 'Non-Citizen' und des Widerstands der Organisatoren genutzt. Dies bildete die allererste öffentliche Diskussion des Konzepts.

 

Während der ersten Stunden des zweiten Tages gab es Fragen und Antworten zum mündlichen Bericht und zu unklaren Details des einjährigen Widerstandes. Es ging weiter mit einer offenen Mikrofonrunde. Während des Programmpunktes zum 'gemeinsamen Widerstand' (zweiter Tag), gab es wieder ein offenes Mikrofon für alle Non-Citizens, die Erfahrungen teilen wollten. Aufgrund der großen Anzahl von Reden (von Non-Citizens) wurde sogar der letzte Programmpunkt des zweiten Tages gestrichen.

Zu Beginn sowie während des Kongresses erklärten wir, dass dieser Kongress durch die Initiative einer Gruppe, die im letzten Jahr verschiedene Stufen des Widerstands durchlaufen hatte, organisiert wurde. Wir haben nie gesagt – und werden es auch nie tun – dass wir die einzigen aktiven Non-Citizens oder die einzige Stimme der Non-Citizens sind. Dennoch gab es die Kritik, dass während des Kongresses keine anderen Non-Citizens an das Mikrofon getreten waren, um über die verschiedenen Schritte des letztjährigen Widerstands zu reden. Diese Kritik kam sowohl von Non-Citizens als auch von Citizens.

 

Zu dieser Kritik erwidern wir, dass unser Ziel des Programmpunktes des mündlichen Berichts folgendes war: zum einen zu erzählen, wie sich die Ideen während des letzten Jahres in verschiedenen Situationen und auf verschiedenen Ebenen entwickelt hatten und zum anderen, den Weg der Selbstorganisation und Entscheidungsfindung, welcher entsprechend stattfand, zu verdeutlichen. Allerdings hatte nicht ein_e der_die Non-Citizens, welche den mündlichen Bericht kritisierten, auch nur an einem Organisationstreffen zur „Refugee Tent Action“ oder zum „Refugee Protest March to Berlin“ teilgenommen. Zweifelsohne hatten jene Freund_innen dazu beigetragen, diese Schritte zu realisieren und eine maßgebliche Rolle dabei gespielt. Das Ziel des mündlichen Berichts war es jedoch, die Strukturen der Entscheidungsfindung nachzuerzählen und die unabhängigen Denk- und Handlungsweisen des 'Streikorganisationskomitees' nachzuerzählen. Indes hatten wir viele der in diesen zwei Projekten (Tent Action und Protest March) aktiven Non-Citizens dazu eingeladen, die Kongressorganisation gemeinsam durchzuführen. Leider hat jedoch niemensch von ihnen an der Organisation und Planung des Kongresses teilgenommen.

 

Vielleicht kann unsere allgemeine Meinung zu diesem Thema mehr Transparenz auf unsere Arbeitsweise werfen. Natürlich sind wir gegen jeglichen Widerstand, der eine Identitätspolitik verfolgt. Wir glauben, dass es einige Menschen gibt, die in verschiedenen Kontexten aktiv Unterdrückungskreisläufe reproduzieren. Natürlich gibt es Non-Citizens, die Nationalismus, Rassismus, Sexismus, Homophobie, Patriarchat, usw. reproduzieren. Indem wir für unsere eigenen politischen Prinzipien einstehen, haben wir für uns Grenzen zu Ideen und Verhaltensweisen, die Diskriminierung reproduzieren, gezogen.

Diese Grenzen werden in der Praxis aufgezeigt; ein Beispiel wäre die Planung des Kongresses. Hierzu warfen uns einige Kritiken vor, hierarchische Strukturen zu haben. Wir finden es wichtig, kurz zu erklären, dass 'Organisation von unten' in der Theorie, als Alternative angesichts hierarchischer Strukturen, nur möglich ist, wenn sie auf politischem Vertrauen und Einverständnis zu bestimmten politischen Grundsätzen basiert.

Unglücklicherweise können wir in manchen Fällen kein politisches Vertrauen und kein Einverständnis mit manchen Ideen und Aktivitäten herstellen, die vor allem einen rechtsgerichteten Diskurs reproduzieren und sogar im Widerspruch zu dem Widerstand stehen. Um das besser zu verstehen, bitten wir euch, euch ein Interview mit einem Non-Citizen, der sich selbst als „Iraner“ identifiziert und an den Streiks teilnahm, anzusehen. Er spricht über seinen Stolz auf die „heilige Flagge des Mutterlandes“, sowie davon, wie einige linksradikale Non-Citizens (das sind wir) ihn mit seinen nationalistischen Diskursen konfrontiert und ihm nicht erlaubt haben, seine nationalistischen Ideen in die Bewegung zu tragen. Er fühlt sich durch linke Diskurse der Bewegung manipuliert und empfiehlt anderen Non-Citizens sich dessen bewusst zu sein. Er gibt den Medien ein Interview, welche den Sohn des iranischen Shah als Alternative der iranischen Opposition unterstützen - mit dem Ziel in Zukunft das „Persische Reich“ zurückzugewinnen5.

 

Wie wir allerdings schon erwähnten, waren die Ideologie der Organisatoren des Kongresses als auch unser einjähriger Widerstand und der entsprechende politische Diskurs transparent und sichtbar. Auf Basis all dessen hören wir, was alle Non-Citizen jeglicher politischer Ausrichtung zu sagen haben. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir zwangsläufig unseren politischen Diskurs mit den reaktionären Diskursen einiger Non-Citizen verbinden.

Wir glauben, dass das Wachstum, die Reproduktion von Unterdrückung und der Mangel an Klassenbewusstsein einerseits den Sieg des rechten Flügels (mit seiner Macht im Bildungssystem und in den Massenmedien) in dem Kampf um Hegemonie zeigt. Andererseits sehen wir jedoch das mangelnde Bewusstsein als Resultat von geringem kulturellen Kapital, zu welchem die Citizens der Länder der sogenannten Ersten Welt den meisten Zugang haben und von dem sie am meisten profitieren.

Ohne Zweifel gibt es Kritiken, gegen die wir politisch nichts einwenden können. Dazu gehört die Abwesenheit von Frauen* im Widerstand. Definitiv keine Antwort, aber eine Analyse zu dieser Kritik wäre: Aufgewachsen und sozialisiert in einer patriarchalen Welt, durch männliche* Körper in der Position des Unterdrückenden mit Zugang zu den Privilegien und Vorteilen dieser patriarchalen Diskriminierungsstruktur, mit tausenden aus dieser Diskriminierungsstruktur folgenden Konsequenzen, haben wir gelernt, dass der Bereich des Widerstands durch Menschen in männlichen* Körpern dominiert wird. So auch, dass Bereiche für die Präsenz frauisierter* Körper in unserer Struktur und in der Gesamtgesellschaft schwer oder unmöglich zu finden sind.

Nachdem wir kollektiv versucht haben, uns Wissen und Bewusstsein zu dem Thema Patriarchat anzueignen, nach Lektüre und Recherche, glauben wir, dass die bloße Anwesenheit eines oder zweier frauisierter* Körper (Non-Citizens) als Rechtfertigung genutzt werden könnte, antipatriarchal zu sein. Die bloße Anwesenheit von Frauen* bedeutet jedoch nicht zwingend, dass antipatriarchale Diskurse und Aktivitäten stattfinden - nach letzteren wollen wir jedoch streben.

Stattdessen glauben wir, dass es Orte geben muss, an denen Frauen* sich unabhängig organisieren und sebstermächtigen können, bis sie ihre Stimme und Subjektivität zurückgewinnen. Um das zu ermöglichen, muss die maskulinistische Atmosphäre durchbrochen werden und männliche* Körper müssen ihre dominanten Positionen verlieren. Durch eine unabhängige Selbstorganisation und Selbstermächtigung von Frauen* und Trans* Menschen, basierend auf der Unabhängigkeit des Subjekts, können Frauen* und Trans* Menschen sicherere Räume schaffen – sicherere Räume zum einen für den Kampf um ihr Recht, Citizens zu werden und zum anderen für die Organisation ihres eigenen Widerstandes als Subjekte gegen das geschlechtsbinäre heteronormative Patriarchat auch jenseits der Non-Citizen/Citizen-Dichotomie.

Auf die Kritik, wir hätten Citizens nicht genügend Ausdrucksraum und Zugang zum Mikrofon gegeben, müssen wir als Antwort unsere Position klarstellen:

Seit Jahren halten Citizens (weiß oder nicht-weiß) Reden für Non-Citizens, geben den Medien Interviews über Non-Citizens, machen Workshops mit ihnen, schreiben Essays über das Ausmaß ihres Schmerzes und ihres Leidens, analysieren die Strukturen, die Unterdrückung und Ungleichheit reproduzieren – in diesem Kontext und basierend auf ihren eigenen Analysen, definieren sie, die Citizens, bis heute den Widerstand der Non-Citizens.

Doch heute gibt es eine Gruppe von Non-Citizens, die glauben, dass Mikrofone und Kameras lang genug auf Citizens gerichtet waren, welche nicht die Subjekte dieses Widerstands sind. Sie sind sogar Teil der Reproduktion der Unterdrückung gegen Non-Citizenss und ihre Klassenprivilegien basieren auf dieser Unterdrückung. Jetzt ist es Zeit für das Subjekt – mit allen dazugehörigen Schwierigkeiten – sich den Widerstand zurückzuholen und ihre Subjektivität von den Citizen zurückzugewinnen. Von denen, die das Feld des Non-Citizen-Widerstands besetzt haben, wodurch die schwache Stimme der Non-Citizens nicht gehört wird. Diese Stimme muss jedoch die einzige Stimme des Widerstands der Non-Citizens sein. Vor dem mündlichen Bericht auf dem Kongress, haben wir erklärt, dass, was auch immer wir als Bericht präsentieren, nicht des Eigenlobes dient. Dieser sollte vielmehr anderen Non-Citizens zeigen, dass selbstorganisierter Widerstand möglich ist und dass sie ihre Situation ändern können.

Wir verstehen, dass es rassistische und erniedrigende Verhaltensweisen gegenüber Non-Citizens aus sogenannten „unterentwickelten Ländern“ gibt, welche es so aussehen lassen, als wären diese Menschen unfähig, selbst etwas zu schaffen. Wir haben den mündlichen Bericht gegeben, um zu beweisen, dass wir den „Protest March to Berlin“ verwirklicht haben - indem wir an unsere Fähigkeiten geglaubt und unsere Unfähigkeiten gekannt haben; natürlich hatten wir auch die Solidarität und Unterstützung einiger aktiver Citizens, obwohl einige andere Citizens (Individuen und Organisationen) es für unmöglich erachtet hatten.

Es ist Zeit, dass die Subjekte über ihren Schmerz, ihre Erfahrungen und Einzelheiten des Widerstands sprechen – und dass andere zuhören. Nämlich sowohl diejenigen, die sich die katastrophalen Zustände ansehen und deren Aktivitäten manchmal nicht darüber hinausgehen, Mitleid mit einem 'Opfer' zu haben und Almosen zu geben. Als auch die Anderen, die sitzend die Selbstmorde und Abschiebungen beobachten und jedesmal, nach ein paar Stunden Demo auf der Straße, wieder nach Hause kommen und ihren 'Genoss_innen' bis zum Morgengrauen von ihren revolutionären Aktionen erzählen. Nein, unsere Augen und Ohren warten nicht darauf, von diesen Citizens zu lernen, denn wir glauben, dass viele die Welt interpretiert haben, aber worauf es ankommt, ist diese zu verändern.

 

Der Aktionskreis unabhängiger Non-Citizen Kämpfe

1http://refugeecongress.wordpress.com, letzter Zugriff am 23.05.2013.

2Wann immer in dem Essay von einem 'wir' (ohne Anführungsstriche) gesprochen wird, sind es die Autoren, der Aktionskreis unabhängiger Non-Citizen Kämpfe, welche sich kollektiv positionieren.

3„Autonomie“,„Widerstand“und „Solidarität“: http://thecaravan.org/node/3711, letzter Zugriff am 23.05.2013 sowie Kritik von JoG.

5Das Video des selbst-identifizierten „Iraners“ auf Farsi: http://www.youtube.com/watch?

feature=player_embedded&v=WZpWm7G1G5Y, letzter Zugriff am 23.05.2013.