Fourth press release by the hunger striking asylum seekers in Munich (De, En)

Vierte Pressemitteilung der hungerstreikenden Asylsuchenden in München

 

Das gestrige Gespräch mit Vertreter_innen aus der Politik führte zu keinem Ergebnis. Daher werden wir weiterhin das Wasser verwehren, bis unsere Forderung nach Anerkennung aller im Sinne des Artikels 16 a GG erfüllt ist. Da die Zeit lebensgefährlich knapp wird und von politischer Seite immer noch keine Annäherung kam, treten ab heute Unterstützer_innen mit gesichertem Aufenthaltsstatus in einen zusätzlichen Hungerstreik.

 

Nach dem Treffen, das gestern zwischen einem Delegierten der hungerstreikenden Asylsuchenden und Vertreter_innen des Sozial- und des Innenministeriums, des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sowie der Regierung von Oberbayern in der Nähe des Rindermarkts stattfand, endete ohne ein Ergebnis. Während des Treffens wie auch danach kollabierten 16 durststreikende Asylsuchende und wurden ins Krankenhaus gebracht. In einer sehr einseitig geprägten Atmosphäre war die Struktur zwischen Macht und Unterdrückten klar zu sehen. In dieser Sitzung, die etwa anderthalb Stunden dauerte, wurde nicht ein einziger Schritt auf die von unserem Delegierten vorgebrachte Forderung zugegangen, obwohl sogar die Einladung zu diesem Treffen von staatlicher Seite kam.

 

Sehr auffällig war die Tatsache, dass die Politiker_innen offensichtlich erst während der Sitzung erfuhren, welche exakte Forderung wir erheben, obwohl diese bereits in unseren ersten beiden Pressemitteilungen klar benannt wurde. Dieser Mangel an Information zeigt deutlich, dass es keinerlei Bedürfnis von politischer Seite gab, die Forderung der Hungerstreikenden in Betracht zu ziehen, und dass stattdessen allein versucht wurde, den Hungerstreik zu brechen. Eine Routine, die bisher mehrmals "erfolgreich" durchgeführt wurde. Dieses mal, aufgrund des Vergehens der Streikenden, die ihnen entzogenen Rechte zurückzufordern und eine Marginalisierung zu vermeiden, entschieden sich die politischen Vertreter_innen dazu, ein Zelt mit technischen Hilfsmitteln anzubieten und zu versprechen, alle Asylfälle zu prüfen und in zwei Wochen darüber zu entscheiden. Allerding bleibt dies wie üblich ohne jede Garantie der Anerkennung: In den letzten Jahren bzw. zu Beginn dieses Jahres lag die Anerkennungsquote bundesweit bei 1,3 Prozent. Daher weisen wir dieses Angebot entschieden zurück, da es in keiner Weise unserer Forderung entgegen kommt.

 

Zwei von der bayerischen Sozialministerin Haderthauer veröffentlichte Pressemitteilungen bedürfen außerdem einer expliziten Entgegnung unsererseits: In der ersten der beiden Mitteilungen macht bereits der Titel ("Sozialministerin Haderthauer: 'Rot und Grün führen Asylbewerber in die Irre!' - Hungerstreik der Asylbewerber in München") deutlich, dass sie in erster Linie dem Wahlkampf dienen soll anstatt auf unsere Forderung einzugehen. Darüber hinaus erklärt Haderthauer, dass Verhandlungen zwischen Vertreter_innen aus Politik und von Seiten der Hungerstreikenden bisher stets erfolgreich waren. Tatsächlich waren diese Verhandlungen erfolgreich, jedoch stets allein im Sinne der Politik: den Hungerstreik zu brechen. Veränderungen haben in keinem Fall stattgefunden. In ihrer zweiten Pressemitteilung spricht Frau Haderthauer außerdem davon, dass wir in einem Rechtsstaat lebten, "wo man sich nicht durch Hungerstreiks eine Vorzugsbehandlung erzwingen kann". Wir können auf diese Aussage nur fragen: eine Bevorzugung vor wem? Wir, die Asylsuchenden, die sich im trockenen Hungerstreik befinden, und zwar vor dem Hintergrund, dass wir uns auf der untersten von diesem "Rechtsstaat" festgelegten Ebene befinden, definieren uns innerhalb dieser Situation als Asylsuchende. Daher lässt sich unsere Forderung nach Anerkennung unter keinen Umständen auf Privatinteressen reduzieren und eine Bevorzugung vor anderen ist vor dem genannten Hintergrund schlicht nicht möglich.

 

Bezüglich der Situation vor Ort erscheint es erneut notwendig zu betonen, dass die schwangere Frau, die ebenfalls an diesem Protest teilnimmt, sich nicht im Hungerstreik befindet, genauso wenig wie alle anwesenden Kinder!

 

Alle anderen unserer Mitstreiter_innen befinden sich nun im dritten Tag des trockenen Hungerstreiks, allein gestern sind bereits 16 unter uns kollabiert. Dennoch werden wir das Wasser weiterhin verweigern, bis wir alle die Anerkennung erster Klasse, nach Artikel 16 a GG, erhalten!

Da trotz dieser gefährlichen Situation von politischer Seite bisher keine Annäherung an diese Forderung zu erkennen ist, hat sich eine Gruppe von Unterstützer_innen, allesamt mit gesichertem Status in Deutschland, nun dazu entschieden, aus Solidarität mit uns ebenfalls ab heute in den Hungerstreik zu treten!

 

Die Hungerstreikenden Asylsuchenden in München

 

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Fourth press release by the hunger striking asylum seekers in Munich

 

Yesterday's conversation with parlamentary delegates did not lead to a result. Therefore we will keep refusing water until all our rights according to paragraph 16 of the Basic Law [constitutional law, Grundgesetz] are recognized. As time runs critically fast and there is no rapprochment on the part of the state, supporters with secure resident status start an additional hunger strike today.

 

The meeting of a delegate of the hunger striking asylum seekers and delegates of the Ministries of Social and Internal Affairs, the Federal Office for Migration and Refugees (BAMF) as well as the government of Upper Bavaria near the Rindermarkt [place in Munich] ended without results. During the meeting and afterwards 16 asylum seekers who are on dry hunger strike collapsed and were taken to hospital. In a very unilaterally molded atmosphere the power structure between political power and oppressed was very obvious. In the session of about one and a half hours there were no steps towards accepting the demands put forward by our delegate, although it had been the state who invited to this meeting in the first place.

 

Very striking was the fact, that the politicians apparently just learned of our exact demands during the session, although we had pronounced them already in both previous press releases. This lack of information shows that there was no actual effort taking by the government to consider our demands and that instead the main purpose of the meeting was to break the hunger strike. A routine which had been used 'successfully' several times before. This time, because of the continuous demand of those in strike for the recognition of their revoked rights and for the avoidance of their marginalization, the political delegates decided to offer a tent with technical aid and to promise a review of the pending asylum cases of those in strike – to decide upon this within two weeks. However, this remains without any guarantees of recognition, like always: In the last years and in the beginning of this year, the quota of recognitions of asylum cases was at 1.3 percent. Therefore we refuse to accept this offer as it does not comply with our demands.

 

Furthermore, two press releases by the Bavarian social affairs minister Haderthauer need an explicit reply from our side: Only the title of the first release (roughly: “Social affairs minister Haderthauer: 'Social democrats and Green Party lead astray asylum seekers!' - hunger strike of asylum seekers in Munich”) already makes obvious the focus on election campaigning instead of an engagement with our demands. Additionally Haderthauer claims that negotiations between delegates of German politics and those in hunger strike have always been successful. Indeed, these negotiations were successful, but merely on the part of of the government: to break the hunger strike without giving in to its demands, that is a change of asylum politics. In her second press release, minister Haderthauer remarks that we live in a constitutional state “where one might not enforce one's preferential treatment by hunger strikes”. We can only wonder whose privileging before whom she means here. We, the asylum seekers, who went on a dry hunger strike against the backdrop of our position on the lowest level given to us by this “constitutional state”, define ourselves as asylum seekers. Our demands for the recognition of our rights cannot be reduced to private interests, a privileging before others is quite impossible against this backdrop.

 

Concerning the situation on site, it seems necessary to emphasize again that the pregnant woman who takes part of the protest, is not on hunger strike, neither are the present children.

 

All others of our fellow campaigners are in their third day of dry hunger strike, only yesterday 16 of us collapsed. Nonetheless, we will refuse water until we receive recognition of the first class according to paragraph 16a of the Basic Law [constitutional law, Grundgesetz]!

As there seems to be no rapprochement on the part of the government despite this dangerous situation, a group of supporters with secure resident status has decided to go on hunger strike as well in solidarity with us!

 

The hunger-striking asylum seekers in Munich